Retikulozyten-Produktionsindex (RPI)

  • Die Berechnung des Retikulozyten-Produktionsindices dient der Beurteilung der Regenerationsfähigkeit des Knochenmarks und der Differentialdiagnostik der Anämie.
  • Die Bestimmung erfolgt bei Anforderung der Retikulozyten.

Hier soll die Rationale der Bestimmung vorgestellt werden.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Retikulozytenanteil im peripheren Blut und Regenerationsfähigkeit der roten Blutbildung im Knochenmark. Zwei Korrekturfaktoren werden beim RPI beachtet:

  1. Fällt der Hämatokrit bei gleichbleibender prozentualer Retikulozytenzahl, so sinkt damit auch die absolute Retikulozytenzahl:
Hämatokrit
0,45
0,25
Erythrozytenzahl
5 Mio
3 Mio
Retikulozyten
1 %
1 %
Retikulozyten, absolut
50.000 Gpt/l
30.000 Gpt/l
  1. Mit sich verschlechternder Anämie (und zunehmender Erythropoetinstimulation) verlassen die Retikulozyten das Knochenmark in einem früheren Reifestadium. Das verlängert die Reifungszeit der Retikulozyten im Blutkreislauf von einem auf bis zu 2,5 Tage:

 

Retikulozyten-Produktionsindex (RPI)

Das Konzept des RPI zur Beurteilung der Regenerationsfähigkeit des Knochenmarks soll nun an drei Patientenproben vorgestellt werden (Es ist zu berücksichtigen, dass die Knochenmarksproduktion von Retikulozyten erst etwa 10 Tage nach einem Blutverlust ihr Plateau erreicht):

Probe links – Normalfall, Hb im Normbereich, Bildung und Abbau der Erythrozyten im Gleichgewicht

Bei normalem Hämatokrit und Retikulozytenzahl ist im Vergleich zum Blut die 3,5fache Menge an Retikulozyten im Knochenmark vorhanden. Der RPI von 1.0 zeigt ein normales Gleichgewicht aus Erythrozytenproduktion und -zerfall an.

Bei Gesunden mit normalem Hb liegt der RPI bei

Probe in der Mitte – Anämie mit inadäquater Regeneration

Auf den ersten Blick scheint eine relative Retikulozytenzahl von 3% eine deutliche Erhöhung zu sein. Die Gesamtzahl der Retikulozyten in Blut und Knochenmark (202.500) ist aber sogar geringer als beim linken Patienten (225.000), obwohl bei geringerem Hämatokrit eigentlich mehr Retikulozyten nachproduziert werden müssten, um der Anämie entgegenzuwirken. Der RPI von 0,8 weist darauf hin, dass die Menge an Retikulozyten nicht zum Ausgleich der Anämie ausreicht. Die Ursache dafür ist am ehesten eine Bildungsstörung, z. B. bei Eisen-, Folsäure-, Vitamin B12– oder Folsäuremangel. Zudem gibt es kurz nach Beginn einer Substitutionstherapie eine Latenzzeit, bis die Retikulozytenzahl adäquat wird.

 

Probe Rechts –
Anämie mit adäquater
Regeneration

Im  Vergleich zu den beiden anderen Proben ist die Retikulozytenzahl sowohl im peripheren Blut als auch im Knochenmark erhöht. Der RPI von 3,1 liegt im Bereich, der darauf hinweist, dass die Retikulozytenzahl und damit die Erythropoese für die Anämie mit einem Hämatokrit von 0,25 adäquat ist. Bei adäquat funktionierendem Knochenmark liegt am ehesten ein Erythrozytenverlust vor, z. B. eine Hämolyse oder ein Blutverlust

 

RPI (Normwertbereich bei normalem Hb)
Männer:
0,4 – 1,5 %
Frauen:
0,2 – 1,1 %

Pekelharing, J. M., et al. „Haematology reference intervals for established and novel parameters in healthy adults.“ Sysmex Journal International 20.1 (2010): 1-9.

INDIKATIONEN ZUR RETIKULOZYTENZÄHLUNG

  • Basisdiagnostik bei Anämien zur Beurteilung der Regenerationsfähigkeit der Erythropoese
  • Kontrolle des Therapieansprechens bei Eisen-, Vitamin B12– und Folsäuremangelanämie
  • Kontrolle der Effektivität der Erythropoetintherapie

Literatur

  • Seip 1953 Acta Med Scand

  • Houwen 1992 Blood Cells

  • Buttarello 2004 Am J Clin Pathol

Alle Abbildungen mit Genehmigung, Sysmex Deutschland GmbH, modifiziert nach Dr. med. C. Helmschrodt