HOMA-Index
Inhalt
HOMA-Index
Inhalt
Probennahme
Indikation
- Praediabetes-Screening bei erhoehtem Diabetesrisiko (Uebergewicht, positive Familienanamnese, arterielle Hypertonie)
- Verdacht auf Insulinresistenz im Rahmen des Metabolischen Syndroms
- Abklaerung und Verlaufskontrolle bei Typ-2-Diabetes mellitus und seinen Vorstadien
- Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) – Nachweis der haeufig assoziierten Insulinresistenz
- Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD/MASLD) mit kardiometabolischen Risikofaktoren
- Risikoabschaetzung fuer Arteriosklerose und kardiovaskulaere Folgeerkrankungen
- Unerfuellter Kinderwunsch mit Verdacht auf hormonell-metabolische Ursache
- Verlaufsbeurteilung unter Lebensstilintervention oder medikamentoser Therapie der Insulinresistenz
- Erweitertes kardiometabolisches Risikoprofil bei erhoehten Triglyzeriden, erniedrigtem HDL-Cholesterin oder viszeraler Adipositas
- Material Glukose (GLUE): NaF-Citrat-Vollblut (z.B. NaF-Citrat-Vacuette 4,0 ml) – NaF hemmt die Glykolyse und sichert die Glukosestabilitaet; sofortige Kuehlkettenlagerung empfohlen
- Material Insulin (INSU2): Serum oder EDTA-Plasma; zeitnahe Zentrifugation erforderlich (kurze Plasmahalbwertszeit des Insulins von 5-8 Minuten beachten)
- Nahrungskarenz: Strikt 12-stuendige Nahrungskarenz vor Blutentnahme zwingend erforderlich; Entnahme morgens nuechtern; nicht-nuechterne Proben fuehren zu nicht interpretierbaren HOMA-Werten
- Stabilitaet Insulin: 4 Stunden bei Raumtemperatur stabil, bis zu 7 Tage bei 2-8 Grad Celsius; bei laengerer Lagerung Einfrieren bei -20 Grad Celsius
- Stabilitaet Glukose: Im NaF-Roehrchen bei Raumtemperatur mehrere Stunden stabil; Kuehlkette empfohlen
- Stoerfaktoren: Exogene Insulintherapie (falsch-hohe HOMA-IR-Werte), akuter Stress und schwere Infektionen (erhoehte Insulinsekretion), Kortikosteroide, Betablocker und orale Antidiabetika beeinflussen den Insulinspiegel; stark eingeschraenkte Beta-Zell-Funktion kann zu falsch-normalem HOMA-IR fuehren
- Methodische Variabilitaet: Unterschiedliche Insulinassays verschiedener Labore koennen die Vergleichbarkeit von HOMA-Werten einschraenken; laboreigene Referenzintervalle sind zu beachten
Interpretation
Allgemeines
Der HOMA-Index (Homeostasis Model Assessment) ist ein mathematisches Modell zur Abschaetzung der endogenen Insulinresistenz und der pankreatischen Beta-Zell-Funktion aus zwei einfachen Nuechternparametern. Er wurde 1985 von Matthews et al. erstmals publiziert und beruht auf der rueckgekoppelten Interaktion zwischen Nuechtern-Insulin und Nuechtern-Glukose im Kohlenhydratstoffwechsel. Die vorliegende Kombination umfasst die beiden Messgroessen (GLUE: Nuechtern-Glukose im NaF-Citrat-Roehrchen; INSU2: Nuechtern-Insulin im Serum) sowie die drei berechneten HOMA1-Kenngroessen: HOMA1-IR (Insulinresistenz), HOMA1-%B (Beta-Zell-Funktion) und HOMA1-%S (Insulinsensitivitaet). Durch die gleichzeitige Ausgabe aller fuenf Groessen erhaelt der Arzt ein vollstaendiges metabolisches Profil der Glukose-Insulin-Homoeostase aus einer einzigen Nuechternblutentnahme. Die berechneten Indices ermoeglichen dabei eine differenzierte Beurteilung, ob eine pathologische Insulinresistenz, eine kompensatorische Beta-Zell-Hypersekretion oder bereits eine beginnende Beta-Zell-Erschoepfung vorliegt.
Beurteilung
Diagnostische Rationale der Kombination: HOMA1-IR (Insulinresistenz) und HOMA1-%S (Insulinsensitivitaet) sind mathematisch reziprok und quantifizieren dasselbe Phaenomen aus unterschiedlichen Perspektiven. HOMA1-%B (Beta-Zell-Funktion) ermoeglicht zusaetzlich die Beurteilung der pankreatischen Kompensationskapazitaet. Die gemeinsame Interpretation aller drei berechneten Indices mit den Rohmesswerten Glukose und Insulin erlaubt eine Stufendiagnose der Glukose-Insulin-Dysregulation.
Erhoehter HOMA1-IR / erniedrigte HOMA1-%S (Insulinresistenz):
- Metabolisches Syndrom (viszerale Adipositas, Dyslipidaemie, Hypertonie)
- Praediabetes und Typ-2-Diabetes mellitus
- Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS)
- Nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH/MASH)
- Exogene Kortikosteroidtherapie oder Cushing-Syndrom
- Akromegalie und andere Wachstumshormon-Exzesszustaende
- Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) in der Anamnese
Erniedrigte HOMA1-%B (Beta-Zell-Funktionsverlust):
- Fortgeschrittener Typ-2-Diabetes mit Beta-Zell-Erschoepfung (HOMA1-IR kann dann falsch-normal sein)
- Latenter Autoimmundiabetes des Erwachsenen (LADA) – differenzialdiagnostisch GAD-Antikoerper erwaegen
- Pankreatogener Diabetes nach Pankreatitis oder Pankreasresektion
- Fruehe Phase des Typ-1-Diabetes mellitus
Erhoehte HOMA1-%B bei noch normaler Glukose:
- Kompensatorische Beta-Zell-Hypersekretion als Fruehzeichen der Insulinresistenz – Insulinresistenz kann so durchschnittlich bis zu 12 Jahre vor der klinischen Diabetesdiagnose detektiert werden
Grenzen
- Statische Einpunkt-Messung: Der HOMA-Index erfasst nur den Nuechternzustand und bildet keine postprandiale Glukose-Insulin-Dynamik ab; der orale Glukosetoleranztest (oGTT) ist fuer die Erfassung einer postprandialen Dysregulation ueberlegen
- Kein Ersatz des Goldstandards: Der euglykamisch-hyperinsulinaemische Clamp-Test als Goldstandard der Insulinsensitivitaetsmessung wird durch den HOMA-Index nur angenaeherungsweise ersetzt; fuer wissenschaftliche Praezisionsmessungen bleibt der Clamp unerlaesslich
- Falsch-normale HOMA-IR-Werte bei fortgeschrittener Beta-Zell-Insuffizienz: Wenn die Beta-Zellen nicht mehr ausreichend Insulin sezernieren, kann der HOMA-IR trotz bestehender Insulinresistenz normal erscheinen
- Nicht anwendbar unter exogener Insulintherapie: Injiziertes Insulin verfaelscht den Nuechtern-Insulinspiegel und damit alle HOMA-Berechnungen erheblich
- Assay-Abhaengigkeit: Da kein internationaler Standard fuer Insulinmessungen existiert, sind HOMA-Werte zwischen verschiedenen Laboratorien nur eingeschraenkt vergleichbar; Verlaufskontrollen sollten stets im selben Labor erfolgen
- Kein direkter Therapieentscheidungs-Parameter: Der Index eignet sich nicht als alleinige Grundlage fuer die Auswahl spezifischer Antidiabetika
- Eingeschraenkte Aussagekraft bei: akuten Erkrankungen, schwerem Stress, stark veraenderter Beta-Zell-Funktion sowie unter Medikamenten mit relevantem Einfluss auf die Insulinsekretion (Kortikosteroide, Betablocker, Thiazide)
- HOMA1 vs. HOMA2: Das vereinfachte lineare HOMA1-Modell liefert bei sehr hohen Glukose- oder Insulinwerten weniger praezise Schaetzungen als das nicht-lineare HOMA2-Computermodell
Literatur
- Matthews DR, Hosker JP, Rudenski AS et al.: Homeostasis Model Assessment: insulin resistance and beta-cell function from fasting plasma glucose and insulin concentrations in man. Diabetologia 1985; 28(7): 412-419
- Levy JC, Matthews DR, Hermans MP: Correct homeostasis model assessment (HOMA) evaluation uses the computer program. Diabetes Care 1998; 21(12): 2191-2192
- Wallace TM, Levy JC, Matthews DR: Use and abuse of HOMA modeling. Diabetes Care 2004; 27(6): 1487-1495
- Stumvoll M, Goldstein BJ, van Haeften TW: Type 2 diabetes: principles of pathogenesis and therapy. Lancet 2005; 365(9467): 1333-1346
- Song YS, Hwang YC, Ahn HY, Park CY: Comparison of the usefulness of the updated homeostasis model assessment (HOMA2) with the original HOMA1 in the prediction of type 2 diabetes mellitus in Koreans. Diabetes Metab J 2016; 40(4): 318-325
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlung Diagnostik des Diabetes mellitus Typ 2, aktuelle Fassung
- Stand: 2026-07-09