Acylcarnitindifferenzierung (TB)
Inhalt
Acylcarnitindifferenzierung (TB)
Inhalt
Probennahme
Indikation
- Bestätigungsdiagnostik bei auffälligem Neugeborenenscreening mit erhöhtem C8-Acylcarnitin
- Differenzialdiagnose mittelkettiger Fettsäureoxidationsstörungen (MCAD, SCAD, MSCHAD-Mangel)
- Abklärung unklarer hypoketotischer Hypoglykämien im Kindesalter
- Verlaufskontrolle bei bekannten Fettsäureoxidationsstörungen unter Therapie
- Familienscreening bei nachgewiesenen FAOD-Mutationen
- Metabolische Diagnostik bei rezidivierenden Episoden von Lethargie und Erbrechen
- Stoffwechselabklärung vor elektiven Eingriffen mit Nüchternheit bei Risikopatienten
- Material: EDTA-Vollblut oder Trockenblut (Filterpapier)
- Nüchternheit: Nicht zwingend erforderlich, jedoch diagnostisch aussagekräftiger
- Stabilität: Trockenblut bei Raumtemperatur mehrere Wochen stabil
- Störfaktoren: Carnitin-Supplementation, Valproinsäure-Therapie, MCT-reiche Diät
- Optimaler Zeitpunkt: Bei metabolischem Stress oder nach nächtlicher Nüchternheit
- Transport: Ungekühlt möglich, zeitnahe Bearbeitung bevorzugt
Interpretation
Allgemeines
Die Acylcarnitindifferenzierung vereint vier komplementäre Parameter zur spezifischen Diagnostik mittelkettiger Fettsäureoxidationsstörungen. Acylcarnitine sind die Transportform von Fettsäuren bei der Einschleusung in die Mitochondrien und werden mittels Tandem-Massenspektrometrie im Rahmen des Neugeborenenscreenings bestimmt. Diese Kombination ermöglicht die differenzialdiagnostische Abgrenzung verschiedener Enzymdefekte der β-Oxidation durch ihre charakteristischen Akkumulationsmuster. Charakteristisch für einen MCAD-Mangel ist eine erhöhte Konzentration des C8-Acylcarnitins, aber auch anderer mittelkettiger Acylcarnitine wie C6, C10. Die Auswahl der Ratios C8/C10 und C8/C16 beruht auf ihrer hohen diagnostischen Spezifität, da die C8/C10-Ratio bei MCAD-Mangel oft 10-fach höher ist als bei Gesunden mit einem Grenzwert >5.
Beurteilung
Typische Muster bei MCAD-Mangel:
- C8-Carnitin >0,3 μmol/L + C6-Carnitin erhöht: Klassisches MCAD-Muster
- C8/C10-Ratio >5,0: Hochspezifisch für MCAD-Defizienz
- C8/C16-Ratio erhöht bei normalem C16: Abgrenzung zu langkettigen Störungen
- Alle Parameter erhöht: Aktive Stoffwechselentgleisung oder schwerer Enzymdefekt
Andere Muster:
- C6 isoliert erhöht: SCAD-Mangel oder MSCHAD-Defizienz
- Normale Ratios bei grenzwertig erhöhten Einzelwerten: Milde Varianten oder Heterozygotie
- C8/C10-Ratio <2,5: Ausschluss klassischer MCAD-Defizienz
Grenzen
- Falsch-normale Werte bei asymptomatischen Patienten zwischen akuten Episoden
- Interferenzen durch MCT-Supplementation oder Valproat-Therapie
- Alter und Ernährungsstatus beeinflussen Referenzbereiche
- Milde Enzymvarianten mit Restaktivität >10% können übersehen werden
- Genetische Bestätigung erforderlich bei unklaren biochemischen Profilen
Literatur
- Spiekerkoetter U et al. Management of fatty acid oxidation disorders. J Inherit Metab Dis 2021;44:63-89
- AWMF-Leitlinie: Neugeborenenscreening auf angeborene Stoffwechselkrankheiten, 2019
- Lindner M et al. Newborn screening for disorders of fatty-acid oxidation. J Inherit Metab Dis 2010;33:521-526
- Matern D et al. Acylcarnitines in newborn screening. Mol Genet Metab 2016;119:51-61
- Rinaldo P et al. Fatty acid oxidation disorders. Annu Rev Physiol 2002;64:477-502
- Stand: 2026-02-12